Geht es um den Energieverbrauch und die Treibhausgasbilanz der deutschen Wirtschaft, fällt der Blick meist auf energieintensive Industriezweige, die Energieerzeugung oder die Gebäudewirtschaft. In Handwerksbetrieben als „Wirtschaftsmacht von nebenan“ – so die Imagekampagne des deutschen Handwerks – schlummert aber ebenfalls großes Potenzial, Energie einzusparen und den Treibhausgasausstoß zu verringern. Insbesondere für energieintensive Gewerke, wie Bäcker, Fleischer oder Tischler, machen Energiekosten knapp ein Zehntel an den gesamten Betriebskosten aus. Die Herausforderung: Kleine Betriebe mit durchschnittlich fünf Mitarbeitenden machen in Deutschland rund 80 Prozent der Gewerke aus. Diese beauftragen jedoch weitaus seltener eine Energieeffizienz Beratung als große Betriebe.
In Sachen nachhaltiges Wirtschaften bietet es sich an, dass die Handwerkskammern als Vorbild dienen. Die Kammern in Deutschland sind gut in ihren Regionen vernetzt und bieten den Betrieben vielfältige Informationen und Unterstützung. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, haben sich im Sommer 2021 elf Handwerkskammern aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, dem Saarland, Hamburg, Sachsen, Niedersachsen und Hamburg im Energieeffizienz- und Klimaschutz-Netzwerk der Handwerkskammern zusammengeschlossen.
Das Netzwerkmodell kann unter den an die Kammern angeschlossenen Handwerksunternehmen eine höhere Wahrnehmung erhalten und diese selbst zur Teilnahme animieren.
Damit, da sind sich die Netzwerkteilnehmenden sicher, erhält die aktive Zusammenarbeit innerhalb der Handwerksorganisation einen Schub auf dem Weg zu mehr Klimaschutz und Energieeffizienz. Denn als Vorbild für die rund eine Million Handwerksbetriebe in ganz Deutschland wollen die beteiligten Kammern gemeinsam als zentrale Multiplikatoren für Energieeffizienz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit in ihren jeweiligen Regionen auftreten.
Tatkräftige Umsetzung
Da der Wille allein jedoch nur wenig aussagekräftig ist, hat sich auch das Netzwerk der Handwerkskammern konkrete Ziele gesetzt. Insgesamt wollten die Teilnehmenden 2.964 Megawattstunden im Jahr an Energie einsparen und damit ihre Treibhausgasemissionen um jährlich 790 Tonnen an CO2-Äquivalenten senken. 54 Einzelmaßnahmen standen während der dreijährigen Laufzeit auf dem Plan, mit denen die selbst gesteckten Ziele erreicht werden sollten.
Die Liste der unternommenen Anstrengungen ist beachtlich. Die Umrüstung der Beleuchtung in einer Vielzahl der Objekte macht dabei nur den Anfang. Außerdem wurden an verschiedenen Standorten Photovoltaik-Anlagen zur Eigenstromversorgung installiert, und eine Kammer konnte ihre Blockheizkraftwerk-Anlage optimieren, um so effizienter Strom und Wärme zu erzeugen. Andernorts ist an einem Verwaltungsstandort die Gebäudehülle durch Fassaden und Dachdämmung sowie Fenstertausch energetisch ertüchtigt worden. Ein Bildungszentrum hat zur Steigerung der Energieeffizienz außerdem die Absauganlagen in den Holzwerkstätten erneuert.
Steckbrief Energieeffizienz- und Klimaschutz-Netzwerk der Handwerkskammern
- Typ
- Branchennetzwerk
- Netzwerkträger
- Handwerkskammer zu Leipzig, Kooperationsgemeinschaft der Umweltzentren, Handwerkskammer Düsseldorf
- Moderator
- Kooperationsgemeinschaft der Umweltzentren der Handwerkskammern in Deutschland
- Laufzeit
- 16.06.2021 bis 15.06.2024
- Teilnehmer
- HWK Düsseldorf, HWK Koblenz, HWK für Ostthüringen, HWK des Saarlandes, HWK Hamburg, HWK Trier, HWK Münster, HWK Dortmund, HWK zu Leipzig, HWK zu Köln, HWK Hannover
Mitarbeitende bringen Ideen ein
Manche Maßnahmen, wie die nach und nach vorangetriebene Umstellung der Fuhrparks der elf Handwerkskammern auf E-Fahrzeuge, erscheinen naheliegend. Andere Ansätze sind jedoch weniger offensichtlich. Oft sind es aber auch alltägliche, kleine Prozesse, bei denen Energie eingespart werden kann. Um genau hierfür Ideen zu erhalten, haben die Netzwerkteilnehmenden eine Beteiligung ihrer Mitarbeiten den initiiert, sodass diese Vorschläge für weitere Energieeffizienzmaßnahmen einreichen können.
Das Netzwerk mit Vorbildfunktion besitzt Strahlkraft: Aufgrund des Engagements für mehr Energieeffizienz im Handwerk wurden die Beteiligten auf der 6. Jahresveranstaltung der Netzwerkinitiative 2022 für herausragende Netzwerkarbeit ausgezeichnet. Schließlich kann das Netzwerkmodell unter den Handwerksunternehmen, die an die Kammern angeschlossen sind, eine höhere Wahrnehmung erfahren und diese selbst zur Teilnahme animieren.
Alle Emissionen im Blick
Was das Netzwerk der Handwerkskammern ebenfalls vorbildlich macht, ist, dass die eigenen CO₂-Bilanzen nach GHG Protocol erstellt wurden und damit auf internationalen Standards basieren. Das Protokoll beinhaltet eine Einteilung, die neben den Treibhausgasemissionen, die direkt durch die Geschäftstätigkeit der Teilnehmenden entstehen (Scope 1), auch indirekte Emissionen erfasst, die etwa durch die genutzte Energie oder verwendete Materialien zustande kommen (Scope 2). Auch Emissionen, die entlang der Lieferkette entstehen (Scope 3), gehören zur Bilanzierung. Für die Erfassung und Auswertung der Energiedaten sowie für die GHG-konforme Erstellung der CO₂-Bilanz nutzten die Handwerkskammern das durch die Mittelstandsinitiative entwickelte kostenfreie E-Tool-Webportal unter www.energietool.de.
Des Weiteren wurden in den Kammern verwaltungsorganisatorische Leitplanken für den internen und externen Nachhaltigkeitsdialog gesetzt. In dem komplexen Themenfeld der Nachhaltigkeit schafft dies Orientierung und eröffnet Potenziale für den Kompetenzaufbau in vielen Handwerksbetrieben.
Das Erfolgsmodell des Netzwerks der Handwerkskammern soll fortgesetzt werden: Die Beteiligten planen den Start einer zweiten Runde 2025. Auch weitere Kammern haben Interesse signalisiert, dem Netzwerk beizutreten.
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